Prominenter Namensgeber des Preises ist Adelbert von Chamisso (1781-1838), der – als französischer Exilée jung nach Berlin gekommen – zum Mittler zwischen Deutschland und Frankreich in schwieriger Zeit wurde. Seine Muttersprache war Französisch, seine Literatursprache Deutsch. Seine Novelle Peter Schlemihl kleidet eine elementare Erfahrung in ein fantastisches Motiv: Schlemihl, in einer unsicheren Lage, gibt gegen Geld seinen Schatten preis und wird dadurch heimatlos in der Welt. Chamisso selbst hat seinen ›Schatten‹, wie er selbst im ›Vorspruch‹ zur Novelle schreibt, jedoch nicht verloren. Als Weltreisender, als Naturwissenschaftler und als einer der gefeierten Dichter in der liberalen Bewegung der 1830er Jahre hat er weiter gewirkt und einen Ausgleich zwischen Offenheit und Ansiedelung gefunden. 

 

Für einen Preis, der sich lokal verortet, zugleich aber für Weltoffenheit einsteht, ist Chamisso noch immer derjenige Namensgeber in der Literaturgeschichte der Deutschen, der einen Maßstab setzt. 

 

Das Erbe von Moderne und Weltoffenheit in Dresden ist vor allem dem ›Laboratorium der Moderne‹ um 1910, Hellerau, zu verdanken. Der Zusatz ›Hellerau‹ im Namen des Preises verweist auf diese Tradition, an die es immer neu anzuknüpfen gilt; demgemäß wird auch die Preisverleihung in Hellerau stattfinden.

Der Chamisso-Preis/Hellerau ist mit 15.000,-€ dotiert. Ausgezeichnet werden jeweils neue Bücher von Autorinnen und Autoren mit einer Migrationsgeschichte. Der Preis wird genreübergreifend, beginnend 2018, jeweils im Rückblick auf ein Jahr literarischer Neuerscheinungen verliehen.

 

Der Chamisso-Preis/Hellerau bedeutet – wie jeder Literaturpreis – Anerkennung und Würdigung literarischer Arbeit. Mehr noch aber soll dieser Preis ein Zeichen des Dankes an die sein, die durch ihr Schreiben Welthaltigkeit, Weltoffenheit und Vielfalt der Erfahrung in unserer Literatur bewirken. Dieser Dank würdigt auch – ohne dass damit eine Pflicht der Autorinnen und Autoren eingefordert wird – gesellschaftliches Engagement und Mitwirken bei der Suche nach einer Zukunft für ein Deutschland, das sich nicht abschottet. Mit der Verleihung des Preises wird literarischer Rang hervorgehoben und bestätigt; doch nicht vergessen werden darf die politische Dimension, die Migrationsprozessen bis auf den heutigen Tag in einem Land eignet, das ein Einwanderungsland geworden ist, ohne dies sein zu wollen. 

 

Die Literatur in deutscher Sprache zeigt dem Einwanderungsland wider Willen Deutschland einen Weg in die Zukunft gemeinsamer Vielfalt. Sie ist schon längst ohne den Beitrag der Migrantinnen und Migranten nicht mehr zu denken. Es geht nicht mehr nur um die erste Generation der Zuwanderer. Die zweite, ja die dritte Generation schreibt diese Erfahrung fort, und die anderen deutschsprachigen Länder, Österreich und die Schweiz, schließen sich mit eigenem Ton und doch verwandt an. Und selbst die Hypotheken der Zuwanderungspolitik in der früheren DDR haben das Entstehen einer Literatur von Rang nur gefördert. 

 

Aus der Erfahrung unserer jüngsten Geschichte heraus haben wir allen Anlass, das Gespräch und die Verbindung zu denen zu suchen, die sich ebenfalls in einer Situation befinden, in der sich die Frage nach einer Heimat unabweislich stellt. Wer aus Not, wer gar auf der Flucht vor Verfolgung und Gefahr das Land seiner Geburt verlassen musste, verdient es, Gehör zu finden. Wer aber in Deutschland geboren und in der unentschiedenen Situation aufgewachsen ist, fremd und beheimatet zugleich zu sein, hat allen etwas mitzuteilen, die sich in einer offenen und von wachsender Mobilität geprägten Gesellschaft ebenfalls vergewissern müssen, was Heimat ist und wo sie ihre Heimat finden. Die Literatur der Migrantinnen und Migranten schenkt uns hier eine Fülle an Erfahrungen, und sie verbindet dies mit einem ästhetischen Rang, der inzwischen Maßstäbe im Schreiben der Gegenwart setzt.

 

Der Chamisso-Preis/Hellerau soll ein weithin sichtbares Zeichen setzen – von nationaler und internationaler Bedeutung für die Kultur in unserer Stadt Dresden heute. 

Der Chamisso-Preis/Hellerau ist kein staatlicher Preis. Er ist kein Preis staatlicher oder kultureller Institutionen. Zum Programm des Preises gehört die Rückbindung an Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Sie übernehmen Verantwortung für die Kultur unserer Stadt Dresden und darüber hinaus. 

  

Förderer des Preises: 
Beck Stiftung (München); Kulturforum Tiberius, Sächsische Aufbaubank;  ›Weltoffenes Dresden‹ e.V. und weitere.

 

Verliehen wird der Preis jedoch allein aufgrund des Urteils einer fünfköpfigen Jury, in der ggf. auch die Literaturen der Nachbarländer Österreich und Schweiz ihre Sprecher haben werden.

 

In der Jury wirken mit: Maike Albath (Literaturkritikerin, Schriftstellerin; Trägerin des Alfred-Kerr-Preises); Meike Fessmann (Berlin; Literaturkritikerin, u.a. Tagesspiegel u. Süddeutsche Zeitung; Trägerin des Alfred-Kerr-Preises); Axel Helbig (Dresden; Vorschlagsrecht der Literarischen Arena e.V.); Hauke Hückstädt (Leiter des Literaturhauses Frankfurt a.M.); Jagoda Marinić (Heidelberg; Leiterin des Interkulturellen Zentrums, Schriftstellerin, Kolumnistin).

 

Die Jury benennt die Preisträger. Sie kann/ soll bis zu drei/fünf weitere preiswürdige Bücher benennen, die in die Öffentlichkeitsarbeit ebenfalls mit aufgenommen werden.

 

Zu jeder Preisverleihung erscheint eine Dokumentation in Buchform.