Preisträger 2019
Jaroslav Rudiš


Begründung der Preisjury
»
In seinem ersten Roman in deutscher Sprache Winterbergs letzte Reise schickt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš einen alten Mann in Begleitung seines Pflegers auf eine Zugfahrt quer durch Mitteleuropa. Rudiš lässt sein Helden-Duo das fatale 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen, Vertreibungen und ideologischen Brüchen auf überraschende Weise ergründen und eigene Verwicklungen aufspüren. Fahrplan und Schienennetz werden zu Nahtstellen eines zerrissenen Kontinents. Jaroslav Rudiš gelingt eine originelle literarische Inbesitznahme eines geschichtsträchtigen Terrains.«

Zum Autor
Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker. Er studierte Deutsch und Geschichte in Liberec, Zürich und Berlin. Im Luchterhand Literaturverlag erschienen seine aus dem Tschechischen übersetzten Romane »Grand Hotel«, »Die Stille in Prag«, »Vom Ende des Punks in Helsinki« und »Nationalstraße«, bei btb außerdem »Der Himmel unter Berlin«. 2012 erschien seine Graphic Novel "Alois Nebel" auf Deutsch, illustriert von Jaromír 99. Ende September kommt die Verfilmung seines Romans "Nationalstraße" in die tschechischen und später auch in die deutschen Kinos. Für das Staatsschauspiel Dresden verfasste Rudiš das Theaterstück "Anschluss". Die Premiere ist im Januar 2020.  »Winterbergs letzte Reise«, der erste Roman, den Jaroslav Rudiš auf Deutsch geschrieben hat, wurde 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Für sein Werk wurde er außerdem mit dem Usedomer Literaturpreis sowie dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet.

»Winterbergs letzte Reise«

Jan Kraus arbeitet als Altenpfleger in Berlin. Geboren ist er in Vimperk, dem früheren Winterberg, im Böhmerwald, seit 1986 lebt er in Deutschland. Unter welchen Umständen er die Tschechoslowakei verlassen hat, das bleibt sein Geheimnis. Und sein Trauma. Kraus begleitet Schwerkranke in den letzten Tagen ihres Lebens. Die Tage, Wochen, Monate, die er mit seinen Patienten verbringt, nennt er „Überfahrt“. Einer von denen, die er auf der Überfahrt begleiten soll, ist Wenzel Winterberg, geboren 1918 in Liberec, Reichenberg. Als Sudetendeutscher wurde er nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Als Kraus ihn kennenlernt, liegt er gelähmt und abwesend im Bett. Es sind Kraus' Erzählungen aus seiner Heimat Vimperk, die Winterberg aufwecken und ins Leben zurückholen. Doch Winterberg will mehr von Kraus, er will mit ihm eine letzte Reise antreten, auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe – eine Reise, die die beiden durch die Geschichte Mitteleuropas führt. Von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest. Denn nicht nur Kraus, auch Winterberg verbirgt ein Geheimnis.